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Dies ist das vierte Soloalbum von Manuel Stahlberger. Er kittet weiterhin seine Welt zusammen, welche aus den Fugen geraten ist. Schon beim ersten Lied „Istemple“ merkt man, um was es geht. Man muss einstempeln ins Leben. Seine Geschichten könnten alle wahr sein, sie sind leicht schräg und eigentlich traurig. Die Musik hat wiederum Bit-Tuner beigesteuert. Seine einzigartige Mischung aus Hip-Hop und Electronica ermöglicht es Manuel Stahlberger, seine Texte darüber im Sprechgesang zu interpretieren. Seine Wortfetzen, Teilsätze von Gedanken, bilden im eigenen Gehirn eine ganze Geschichte. Manuel Stahlberger versteht es, einen mit seinen Liedern gefangen zu nehmen. Ein Album, das man gehört haben muss.
Markus Rüeger hat mit seiner Band Green Trees ein neues Album aufgenommen, welches in einem aufwendigen und schönen Sleeve mit schönem Booklet präsentiert wird. Wer nicht weiss, wer Markus Rüeger ist: Er war der Sänger von Baldrian. Mit den Green Trees hat er aber schon ein paar Alben aufgenommen. Musikalisch ist es Liedermacher, Singer/Songwriter und neuerdings Chansonnier im Folk-Stil mit Folkrock-Einflüssen. Die Band spielte viel bei Klimaprotesten. So handeln denn einige der Lieder vom Klima. Gesungen wird Mundart, Englisch, Deutsch und Französisch. Die Arrangements sind verspielt und eingängig. Neben den drei Musikern von Green Tree sind auf dem Album einige Gäste zu hören, wie Julinho Zoa Martins, David Hopi Hopkins, Aillos, Eva & Markus Schöni und die Crew vom Hof La Vaux und Schüler:innen der Schule Stettbach von Zürich Schwamendingen. Das Resultat ist eine prall gefüllte CD mit sehr abwechslungsreicher Musik. Die Texte sind teils amüsant und stimmen einen oft nachdenklich. Markus Rüeger ist ein Musiker und Sänger, von denen es noch mehr geben sollte.
Toni Vescoli, der Grossvater der Schweizer Rockmusik, stellte die Nachfolge von „Zytreis“ zusammen. Das Doppelalbum deckt die Epoche nach dem Mundartfolk von Toni Vescoli, bis heute ab. Es wird klar gerockt, mal englisch, mal Mundart. Die Aufnahmen entstanden mit seiner Band oder später mit anderen guten Musikern. Zu hören sind 36 Songs, begonnen mit „Mache Wasi Will“ von 1993 bis „Rock’n’Roll Fan“ von 2019. Dazwischen natürlich die Dylan Songs von 1993, die Songs mit und von Augie Meyers aus dem 1999 und viele weitere Perlen. Dazwischen gibt es auch die Klassiker und bekannte Lieder, aber auch Trouvaillen. Eine solche ist „Em Friede z’lieb“ von 1988. Toni Vescoli bringt uns seine Geschichte, aber auch die Musikgeschichte von früher wieder in Erinnerung. Das Doppelalbum ist mit einem schönen Booklet ausgestattet, mit einigen Informationen, aber nicht zuviel. Eine sehr schöne Sammlung.
Unter diesem Link gibt es unzählige Videos von Toni Vescoli, auch seinen Kanal findet man hier.
Den Schweizer Pop Jodel Männerchor gibt es seit zehn Jahren. Nun erschien das Album zum zehnjährigen Bestehen. Wer jetzt denkt, ja es wird tönen wie bisher, der liegt nicht ganz richtig. Schon bald fällt auf, dass die Lieder etwas mehr nach Pop und weniger nach Jodel tönen. Klar, oft kommt dann der Chor, aber eher im Hintergrund, und die Instrumente spielen vorn mit. Es sind jetzt fast alle Männer, welche bei einem Lied den Lead haben, und dies über eine längere Zeit. „Scho lang nüme tanzt“ tönt ganz anders als Heimweh bisher, es ist ein beschwingter Popsong. Bei „Stah nomal uf“ wurde die Musik vom Sänger Alain Boog mitgeschrieben. Beatrice Egli singt bei „So schön cha s’Läbe si“ mit und hat ebenfalls am Text mitgearbeitet. Sonst stammen die Lieder und die Produktion von George Schlunegger. Als letztes Lied gibt es „Rosmarie“ zu hören, dieses Mal mit Orchesterbegleitung, was aber wenig bringt. Wer die Gruppe Heimweh mag, wird sie immer noch mögen. Womöglich könnte dieses Album den Geschmack von mehr Menschen treffen.
Baschi nahm ein neues Album auf. Es ist sehr gelungen. An den Texten haben neben Baschi noch Dabu Bucher, Thomas Fessler, Valentino Vivace und Stefanie Heinzmann mitgearbeitet. Die letzteren beiden singen jeweils ein Duett auf dem Album mit Baschi. Produzent ist Thomas Fessler, welcher auch musikalisch gewirkt hat, neben Jean-Pierre von Dach. Christian Riesen, Matthias Kräutli, Tamara Olorga. Dabu Bucher und Ben Mühlethaler. Diese Koryphäen der Schweizer Musikszene sind dann auch hörbar. Das Album ist sehr sauber produziert, die Musik ist gut gespielt und die Texte haben Niveau. Baschi singt voller Emotionen mit einer kraftvollen und präsenten Stimme. Seine Lieder erzählen von seinem Vater, von seiner Jugend, von Liebe, von Italien und einigem mehr. Die Songs sind sowohl ernsthaft als auch selbstironisch, genau das, was man von Baschi gewohnt ist. Er kann mit diesem Album sicher ein weiteres Mal durchstarten.
Stuber & Goalie sind ein Berner Duo, welches sich selbst geschriebenen intelligenten Texten widmet. Die Texte werden gerappt, man kann das Post Rap nennen. Die Musik und die Beats sind oft elektronisch erzeugt, manchmal aber auch mit Instrumenten gespielt. Stuber präsentiert die Texte und Goalie ist für den Sound zuständig. Die Texte handeln vom Leben, welches oft nicht so bequem ist. Es sind gesellschaftsrelevante Texte. Es lohnt sich, den Geschichten zuzuhören, und wenn man andere Berner Songs oder Bands kennt, dann gibt es viele Anspielungen. „Anaconda“ ist die Fortsetzung der Geschichte von Hene von Stiller Has. Dies ist ein Duo das eine grössere Beachtung verdient.
Karli ist nun solo unterwegs. Wer ist denn Karli? Er ist derjenige der Band Plankton, welche bedeutend war in der Schweizer Musikszene. Jetzt ist er solo unterwegs mit Mundartliedern. Er erzählt aus dem Leben, wie er Vögel und Mäuse begraben hat, aber in seinem halben Leben noch nie einen toten Menschen sah. In anderen Liedern singt er von der streikenden Karte an der Kasse, von „Ewigi Liebi“ im Ohr, von schlechtem Wetter am Geburtstag, von verlorenen Schlüsseln. Es sind alles kleine Episoden, die wir alle kennen, und darum sind die Lieder so direkt zugänglich. Musikalisch ist es Gitarre, Bass, Vintage Synthies, da eine Trompete, dort ein anderes Instrument. Der Sound ist sparsam, aber sehr passend und warm. Man darf sich auf sein Album im Herbst freuen.
Alwa Alibi wird dieses Jahr drei EPs mit je vier Liedern veröffentlichen. Der Produzent dieser ersten EP ist Ben Mühlethaler. So kann man typische elektronische Beats. Alwa Alibi singt Mundart. Ihre Texte befassen sich oft mit Queerness, Sucht und dem nicht einfachen Alltag von jungen Menschen. Sie sind ziemlich klar und nicht kryptisch. Das macht die Bernerin sehr sympathisch und man hört sich fast automatisch die Lieder genau an.
Album: „Have I Lost My Magic“ (Mouthwatering Records)
Dies ist bereits das dritte Studioalbum der Luzerner Musikerin und Sängerin To Athena. Inhaltlich ist es ein persönliches Album, welches von der Suche nach der verloren geglaubten inneren Magie erzählt, von Verletzlichkeit, von zwischenmenschlichen Beziehungen, Burn-out und Missbrauch. Musikalisch bewegt sich das Album in einer riesigen Palette, welche im Universum von To Athena möglich ist. Da sind geringe Arrangements mit Streichern und Piano und/oder Harfe zu hören, um dann wiederum grosse Bögen zu spannen mit fast schon symphonischem Ausmass. Man darf diese Musik als Kammerpop bezeichnen.Grundsätzlich sind die Songs und Lieder eher ruhig und vielleicht etwas traurig und gleichzeitig auch hoffnungsvoll und voll Sonnenschein. To Athena versteht es, Stimmungen zum Publikum zu bringen, ohne dass man alles versteht. Das lässt ihre Erfolge auch in Mexiko mit Mundartliedern erklären. Sie singt auf diesem Album Englisch und Mundart.
Follia singt fünf Lieder in Mundart und auf Deutsch. Sie ist die Künstlerin mit dem Kontrabass. Sie selbst nennt ihre Musik Kontrapop. Genauer gesagt sind es Lieder zwischen Folk und Kunstlied. Neben dem Kontrabass gibt es wenig Piano und Perkussion mit ein paar Electronica-Effekten. Wichtig ist ihr Kontrabassspiel und vor allem ihre Stimme und ihre Texte. Sie singt mal intim ruhig, um dann wieder fast orchestral und ein wenig wütend zu singen. Eindringlich sind alle Lieder und ihre Stimme zwingt einen, direkt zuzuhören. Der EP‑Titel ist Programm und in letzter Zeit ist genug „Verrutscht“ (Verschoben) im Äusseren wie im Inneren von Menschen. Ein kleines Meisterwerk.
Die junge Sängerin nannte sich bei ihrer früheren EP einfach Gigi, sie ist jetzt Gigi Malua. Wer sich die EP anhört, erkennt sie gleich bei den ersten gesungenen Tönen wieder. Gigi Maluas Stimme hat einen hohen Wiedererkennungswert. Musikalisch ist es sauber produzierter Pop. Wichtig sind die Texte. Sie erzählt fünf verschiedene Geschichten und doch haben sie Gemeinsamkeiten. Es geht um Mental Health, Sucht, Liebe und die Parallelen dazwischen, die im Alltag oft übersehen oder bewusst ausgeblendet werden. Gigi Malua hat viele Doppeldeutigkeiten in ihren Texten und das sehr bewusst. So hört jedermann etwas anderes aus den Songs oder vielleicht mehrere Sachen fast gleichzeitig. Die Sängerin will, dass dies geschieht, und will offen bleiben. Erklärungen braucht es keine, alles soll so im Raum stehen bleiben. Mit dieser EP fordert uns Gigi Malua heraus, und dies auf eine anspruchsvolle Weise und trotzdem mit Genusseffekt.
Dies ist die erste EP einer Trilogie, welche bis in einem Jahr fertig sein wird. Fatima Dunn singt Mundart und musiziert mit dem Cello, Loopgerät und einigen Effekten. Sie spielt zeitgenössischen Folk. Die EP beginnt mit einem naturjodelähnlichen Lied. Dann sind es eher folkige Liedermacherinnenlieder. Ihre Texte sind genaue Beobachtungen ihrer Umwelt und sie ist mittendrin. Inhaltlich erzählt sie von der Umtriebigkeit des Umfelds und ihren Versuchen, trotzdem Ruhe zu finden. Diese Lieder gefallen gut. Bei zwei der Lieder hilft Tanja Kummer mit, eine Thurgauerin. Sie versucht, in einer Fantasiesprache zu sprechen, angelehnt an Franz Hohlers Totenmüggerli, nur nicht so gut. Diese zwei Tracks hätte man sich schenken können. Man darf sich auf die beiden folgenden EP’s freuen.
George, der Mundartlieder Sänger aus dem Seeland, präsentiert sein 9. Album. Es sind darauf vierzehn ehrliche Lieder zu hören. Er erzählt einiges aus seinem Leben. Die Texte sind von einem reifen Mann geschrieben und George versucht nicht, auf jung zu machen. Die Lieder treffen oft das Herz und lassen eigene Erinnerungen wieder hochsteigen, meistens schöne oder wehmütige. Musikalisch ist er sehr akustisch und trotzdem sind rockige Songs darunter. Zydeco spielt hinein, an einem anderen Ort kann man ein Cello hören und das Akkordeon ist immer wieder dominant. Das letzte Lied „3 Affe im Zoo“ ist gesellschaftskritisch und er spielt es zusammen mit Schöre Müller. Gut gefallen mir die Lieder „Die alte Poete“ wo es um die Poeten der Musikszene der Schweiz geht, welche nicht mehr unter uns weilen. „La nouvelle Orleans“ erzählt von Louisiana und der Zydeco-Musik, George singt da auch Französisch. Er hat hervorragende Musiker um sich herum, welche das Album noch eine Stufe höher heben. Mit diesem Album ist dem Seeländer Poeten ein grosser Wurf gelungen und vielleicht sogar sein bestes Album.
Endlich ist es da, das lang ersehnte erste Live Album von Dabu Fantastic. Aufgenommen wurde es im Sternensaal Bümpliz und es war der Tourabschluss von der Ciao Baby Ciao Tour. Übrigens: Es war das 50. Konzert dieser Tour. Am Anfang hielt Bänz Friedli eine kurze Rede über Berndeutsch und Zürcher, welche näher bei Mani Matter sind als mancher Berner. Dann folgte das Konzert mit alten und neuen Hits, angefangen bei So Easy bis zu Min Ort und Die letschte drü Minute. Mit dabei natürlich auch Angelina, Ciao Baby Ciao, Vo vorn und Teddybär von den Rumpelstilz. Als Gäste sind neben Bänz Friedli, Nina Valotti, Riana und Baschi dabei. Die Band ist in Hochform, Dabu und DJ Arts ebenfalls, und das Publikum singt aus voller Brust und tönt sehr textsicher. Dabu sagt nur das Notwendige zwischen den Titeln und das nicht zwischen jedem. Mit diesem Album ist man wirklich am Konzert von Dabu Fantastic dabei. Ein wunderschönes Live Album.
Dies ist das sechste Studioalbum der beiden Berner Mundartmusiker. Nach einer Pause ist vieles neu. Lo & Leduc sind politisch geworden, singen zwei Lieder auf Deutsch und es sind nicht einfach Partysongs. Das Album beginnt mit einer politischen Klavierballade. Sie heisst „Für Love“ und die Lyrics zeigen, worum es beim Album geht. „Dr Eint behouptet, dass dr Anger immer nume lügt. Dr anger seit, alles, wo dr eint seit, stimmi nid – U die Aller- Aller- Aller- Allermeiste säge nüt“ ist eine der Textzeilen. Die Texte sind klar, und trotzdem muss man aufpassen, um alles genau zu hören und zu verstehen. Mit dem dreimaligen Anhören des Albums erschliesst es sich noch lange nicht ganz. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Zwei andere Textbeispiele: In „Martha“ und anderen Songs offenbart sich das Politische, das Abgründige im Nebeneinander der Dinge: „Am Bahnhofsiigang schwäbe d Giige, Sibe Füfzg dr Huus-Iistee. Visavis vo mir im Abteil hocket eine mitem Gwehr“. In „Loyalty x Many Men“: „Mir hei chly Dräck uf dr Zunge, Goldstoub a de Fingertips, Drohne finge ihri Ziel dank Schwizer Mikrochips“. Es werden immer wieder viele Themen angesprochen, wie Gesundheitswesen, Krankenkassen, Geld Politik, Klima, Religion und viele mehr. Die beiden deutschen Lieder sind textlich sehr stark, trotzdem sind sie für mich weniger berührend als die Mundartlieder. Die Sounds sind elektronisch mit den bekannten tropischen Rhythmen, einfach eine etwas dunklere Stimmung. Tanzen darf man trotzdem dazu. Produziert hat grösstenteils Kali, welcher bereits verschiedene internationale Künstler:innen produziert hat. Mit dabei sind auch Gäste. Badnaiy, To Athena und Pronto sind es konkret. „Krise als Chanson“ ist Lo & Leducs bestes Album und gehört auf jede Bestenliste.