SCHÄBYSCHIGG

Album: „Perschpektivä“ (Narrenschiff)

Die fünf Musiker, welche im Kanton Uri beheimatet sind, spielen umwerfende Neue Volksmusik. Mit Klarinette, zwei Trompeten, einer Basstrompete und einer Tuba, welche manchmal einem Akkordeon weichen muss, machen sie Musik zwischen Volksmusik und Jazz. Sie beschreiben ihre Musik als, Lieder und Tänze aus dem Leben die in keine Schublade passen. Der Auftakt mit „Äs Tänzli für d Emilie“ ist gewaltig. Das Tänzli beginnt mit einem Getöse von Tuba und Basstrompete, die Klarinette lässt dann das Stück zum Tänzli werden. „Holper Jazz“ wird dem Titel gerecht, es geht um minimalisierte Rhythmus Muster mit den beschriebenen Instrumenten und ein bisschen Melodie. “ Zooge n em Booge“ wird ein bisschen gesungen und noch näher bei der Volksmusik sind sie mit einem Stück, welches nach Oberkrainer tönt, zumindest am Anfang. Es ist aufstellende, spannende Musik und dieses Album gehört für mich in die TopTen für das Jahr 2020.

Fredi Hallauer

LARISSA BAUMANN

Album: „Gotta Break Free“ (CeDe.ch)

Larissa Baumann hatte schon viele Auftritte an Gala Anlässen. Nun endlich erscheint ihr erstes Album. Die Soul- und Jazzsängerin lässt es dann auch richtig zur Sache gehen, ganz gemäss dem Albumtitel. Eine fantastische Band steht hinter ihr und dazu noch eine Hornsektion. Ihre Stimme ist phänomenal, mal wild und laut und dann wieder gemässigter. Schreien tut sie nicht, sie singt immer, aber leise ist sie ebenfalls nie. Das Album wurde toll produziert, der Sound ist packend und das Songwriting der sechs Eigenkompositionen und zwei Fremdkompositionen gut, die Songs haben Wiedererkennungs Wert. Larissa Baumann macht keine Experimente, sie spielt klassischen Soul mit einer Prise Jazz und einem Funken Pop. Ein Album mit viel grosser Musik.

Fredi Hallauer

YILIAN CANIZARES

Album: „Erzulie“ (Planeta Y/Absylone)

Die Kubanerin lebt seit einigen Jahren in der französischen Schweiz, wo sie auch weiter studierte. Nun ist sie mit einem neuen Album präsent. Zu hören sind von der Sängerin und Violinistin zwölf Eigenkompositonen (eine davon als Co-Komponistin) zwischen Jazz, Afrokubanisch, freier Improvisation und mit einer tollen Prise Pop abgeschmeckt. Viele Musiker der verschiedensten Sparten sind dabei wie der Bassist, Sänger und Kalimba Spieler aus Mozambique Childo Tomas, der kubanische Perkussionist Inor Sotolongo, der Gitarrist Paul Beaubrun und der Schlagzeuger und keyboarder Charles Burchell. Unter den Gästen hat es Streicher, Keyboarder, einen weiteren Bassisten und Perkussionisten sowie einen Trompeter. Yilian Canizares versteht es intelligente Musik zu machen mit Effekten und realen Tönen. Wenn sie singt und Geige spielt wird es immer spannend und das meist auf dem polyrhythmischen Teppich von Perkussion, Schlagzeug und Bass, inklusive Tempowechseln. Yilian Canizares spielt nicht einfach Jazz, sondern Musik, man kann sie auch in der Rubrik Weltmusik einordnen. Eines der besten Alben dieses Genres.

Fredi Hallauer

JULIE CAMPICHE QUARTET

Album: „Onkalo“ (Meta Records)

Julie Campiche steht mit einer neuen Combo am Start. An ihrer Seite stehen der Saxophonist Leo Fumagalli, der Kontrabassist Manu Hagmann und der Schlagzeuger Clemens Kuratle. Sie selber spielt die Harfe und alle noch etwas Elektronik. Dabei ist ein wirklich tolles neuzeitliches Jazzalbum entstanden. Alle Musiker haben grosse dominierende Teile und die Harfe versteht es auch etwas zurückzustehen. Da sind verträumte Passagen mit grossen Saxophonbögen und perlender Harfe und gleich gegensätzlich sind es dann wilde exzessive Saxophoneskapaden mit ebenso wildem Schlagzeug. Auch die Harfe klingt durchaus auch dazwischen aggressiv, aufmüpfig, der Kontrabass spielt bodenständige Melodien mit Sanftheit. Zusammen ist das wundervolle Musik, sehr abwechslungsreich. Ein Jazzalbum wie man es selten hört.

Fredi Hallauer

GWENDOLYN MASIN & ANDREAS SCHAERER

Live: Cocktail für die Musen im Casino Bern am 26. Oktober 2019

Bild Fredi Hallauer

Dies war der erste Abend im gut besetzten Casino Bern des Formats Cocktail für die Musen. Gwendolyn Masin war Gastgeberin und wird es auch in Zukunft sein. Sie hatte eine Carte Blanche und lud Andreas Scherrer ein, den Jazzsänger und Komponisten. Klar das diese zwei nicht alleine den Abend bestritten, sie hatten noch einige hochkarätige MusikerInnen mit dabei, einige speziell eingeflogen. Es waren u.a. Etienne Abelin, Gina Maria McGuinness an den Violinen, Cecilia Bercovich aus Spanien an der Viola, Matteo Burci am Kontrabass, Patrick Moriarty aus London am Violoncelle, Wolfgang Zwiauer am E-Bass und der Finne Kalle Kalima an der E-Gitarre. Der Abend begann mit einem Doppelstreichquartett von Johann Sebastian Bach, von den Streichern gespielt. Es folgten noch zwei Streichquartette, diesmal von Andreas Schaerer komponiert, aber wiederum von einem Teil der Streicher gespielt. Dann trat Andreas Schaerer mit Wolfgang Zwieauer und Kalle Kalima auf die Bühne. Sie spielten Stücke von und mit Andreas Schaerer, wo er sang und Beatboxte und das Orchester dirigierte. Es folgte ein weiteres Streichquartett von J.S.Bach, diesmal hätte es ein Cembalo benötigt, welches aber mit der E-Gitarre und dem E-Bass übernommen wurde, aber im klassischen Sinne. nach weiteren typischen Schaerer Kompositionen spielte Gwendolyn Masin ein Violinkonzert von Bach, das Streichorchester übernahmen E-Gitarre, E-Bass und die Stimme von Andreas Schaerer, die Streicher verliessen die Bühne. So ging es immer weiter an diesem wundervollen Abend, welcher fast drei Stunden (mit Pause) dauerte. Musik wurde nicht neu erfunden, es gab auch keinen Knall beim Aufeinanderstossen von Klassik und Jazz, nein es wurde versucht miteinander zu musizieren, als ob es keine Grenzen gäbe. Gegensätze waren trotzdem vorhanden und diese Reibung die machte das magische an diesem Abend aus. Ein Abend voller musikalischer Wunder mit vielen leisen Tönen und einem sehr aufmerksamen Publikum.

Bild Fredi Hallauer

Fredi Hallauer

TRAKTORKESTAR

Album: „Ostring“ (Trakon/Irascible)

Das Berner Balkan Jazz Blasorchester feiert sein 10 jähriges Bestehen mit einem Album welches den Kreis Bern-Balkan-Bern schliesst, musikalisch gesehen. Ostring ist ein Quartier und vor allem eine Autobahn Auf-und Abfahrt mit den obligaten Staus. Traktorkestar spielt eine breite Stilpalette. Da sind ein paar typische Balkankracher, schön wird es wenn es jazziger wird und sie mit Harmonien und guten Arrangements brillieren. Mundartlieder sind auch dabei. Mit Schmidi Schmidhauser und seiner „Agatha“ kann man wundervoll walzern oder geniessen und sich amüsieren. Simon Jäggi singt „Freudenberg“ und „Uf dere Syte vor Stadt“.Schlussendlich rezitiert Stephan Eicher, sozusagen im Abspann, einen Text im „Morgeflug“. Dieses Album ist ein wundervolles und sehr vielseitiges Abbild dieser zwölfköpfigen Band aus Bläsern und Schlagwerkern.

Fredi Hallauer

ESCAPE ARGOT

Album: „You.Me.Them.“ (Traumton Records/Indigo)

Um gleich die Weichen richtig zu stellen, bei Escape Argot geht es um Jazz. Noch eine Vorgabe, der Schlagzeuger ist auch bei Hildegard lernt fliegen und hat alle Stücke komponiert. Also wer etwas offen ist in Bezug auf Musik, weiterlesen. Das Trio besteht aus Christoph Grab (Tenor & Alto Saxophon), Florian Favre (Piano & Moog) und Christoph Steiner (Drums). Obwohl die Kompositionen vom Schlagzeuger stammen ist es gemeinsame Musik, ohne dass ein Instrument mehr den Lead hätte als ein anderes. Die Stücke pendeln zwischen feinen, verspielten und virtuosen Klängen bis zu etwas gehackteren, wilden, lauten Ergüssen. Sehr schön ist wie ein Instrument die anderen Umspielt oder sie sich gegenseitig umspielen. Das geschieht zum Beispiel in „Plutimikation“ wo das Piano und das Drum sich umspielen, beide geben irgendwie den Ton an und umgarnen den Anderen. Es ist lebhafte Musik, aber es werden immer reale Töne gespielt. Wunderschöne Musik zum wirklich Zuhören.

Fredi Hallauer

JÜTZ

Album: „Hin & Über“ (Chaos)

Dieses Album erschien bereits 2018, kam aber erst jetz zu mir, darum die Besprechung. Die Gruppe Jütz besteht aus einem Schweizer und zwei MusikerInnen aus dem Südtirol, produziert hat Dizl Gmünder aus Bern und so weiter und so fort. Also ein Album und eine Gruppe, welche keine Landesgrenzen kennt, darum das Review hier im musikch.com . Das Trio besteht aus Isa Kurz, welche singt, Geige, Akkordeon und Hackbrett spielt; Philipp Moll am Kontrabass und E-Bow, auch er singt und Daniel Woodtli spielt Trompete und Flügelhorn und er singt ebenfalls. Vom Instrumentarium her wird klar, da geht es um Volksmusik, Folk und Jazz oder eben um Neue Volksmusik. Beim anhören dieses Album geht man wirklich „hin und über“. Einerseits wird da recht frech mit traditionellen Themen und Melodien umgegangen, aber auch musikalisch sehr anspruchsvoll und herausfordernd. „Luegid vo Bärg und Tal“ wird ins tirolische übersetzt gesungen, die tirolischen Volksmusikschlager, wie „Perle vom Tirol“ werden zusammengefasst in Textfetzen und mit ganz anderer Musik gespielt, aber auch Blasmusikstücke werden verändert. Das Ganze ist kein Blödelalbum wie es den Anschein machen könnte, aber eine witzige musikalische Auseinandersetzung mit Volksmusik und aber auch Aussagen zur Zeit mit alten Liedern wie mit dem „Schwalbenlied“ von 1859. Musikalisch ist es Neue Volksmusik welche nahe beim Jazz liegt. Jütz ist hier ein sehr grossartiges und beachtenswertes Album gelungen.

Fredi Hallauer