JULIE CAMPICHE SOLO

Album: „Unspoken“ (Ronin Rhythm Records/ Irascible (Schweiz)/ Galileo MC (Deutschland)

Dies ist das erste Soloalbum der schweizerischen Jazzharfenistin. Sie nahm sich starke und engagierte Frauen vor und porträitierte sie musikalisch. neben ihrer, mit elektronischen Effekten ausgestatteten harfe, spricht und singt sie und lässt Texte sprechen. Sie spielt auch Gerüusche ein und erzeugt mit allem zusammen eine grosse Intensität. Ein sehr starkes Album. Julie Campiche hat ihre Stücke selber beschrieben und das sehr genau und darum kopiere ich sie einfach hier hinein.

Julie Campiche über die Songs:

Anonymous: Dieses Stück kreist um Virginia Woolfs berühmten Satz: “For most of history, Anonymous was a woman.” Frauen sprechen dieses Zitat – jede in ihrer eigenen Sprache; ein Chor weiblicher Stimmen, der ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen lässt. Stimmen, die die Frauen hinter der Anonymität sichtbar machen. Stimmen, die uns daran erinnern, dass Frauen keine Minderheit sind, sondern die Hälfte der Menschheit. Musikalisch ist das Stück bewusst reduziert, um dem Gesang den vollen Raum zu geben. Es enthält Beatboxing- und Schlagzeugklänge, die an einen Herzschlag erinnern, sowie einen angespannten Akkord mit lang gehaltenen Tönen, die allmählich hervortreten. Die Musik bleibt im Hintergrund und erzeugt eine wachsende Spannung parallel zur Klangkraft des Chors.

Grisélidis Réal: Mutter, Malerin, Schriftstellerin, Prostituierte, international bekannte politische Aktivistin für die Rechte von Sexarbeiter*innen und zudem Archivarin in diesem Bereich – Grisélidis führte ein Leben von seltener Intensität. Stets auf der Suche nach Freiheit, scheute sie sich nie davor, die Bequemlichkeit gesellschaftlicher Konventionen zu stören. Das Stück basiert auf einem Groove, der aus ikonischen Klängen ihres Lebens aufgebaut ist: das Surren eines Kopiergeräts für ihre Rolle als Aktivistin, das Klacken von Schritten auf Pflastersteinen für die Prostitution, das Kratzen eines Bleistifts auf Papier für die Schriftstellerin, Kinderlachen für die Mutter… Auf dieser Klangbasis webe ich eine musikalische Struktur, die versucht, der Intensität dieser Frau gerecht zu werden – zwischen dem Aufschrei des Protests, dem stillen Seufzer des Schmerzes, der Lebenslust und der Erschöpfung eines aufgewühlten Alltags. Die Atmosphäre ist inspiriert von einer tänzerischen Bewegung, ohne je in reines Entertainment zu kippen.

Andréa Bescond: Tänzerin, Regisseurin, Autorin und Schauspielerin – Andréa stellt ihr gesamtes künstlerisches Schaffen in den Dienst ihres Aktivismus gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Sie kämpft dafür, das mediale Schweigen zu brechen und ein System anzuprangern, das Täter schützt. Musikalisch stützt sich das Stück auf das Ticken der Sekunden – es verkörpert Spannung in all ihren Formen. Es evoziert zunächst die Angst vor dem unvorhersehbaren Moment, in dem Gewalt geschieht – aber auch die Gewissheit, dass sie geschehen wird. Der Rhythmus basiert auf Schlag- und Atemgeräuschen, durchbrochen von plötzlichen Momenten der Stille, die an die Brutalität und Unvorhersehbarkeit der Taten erinnern. Die Melodie, mit einer speziellen Spieltechnik auf der Harfe erzeugt, ruft Schreie in Erinnerung. Die Spannung steigt allmählich an und kulminiert in einem durchgehenden elektronischen Ton – wie ein flaches EKG, ein tragisches Symbol für den Tod, den solche Gewalt verursachen kann.

Rosa: Rosa hat keinen Nachnamen. Diese Komposition ist eine Hommage an all die Frauen, die im Schatten unserer Gesellschaft arbeiten. Ihre Arbeit ermöglicht es Frauen in westlichen Gesellschaften, sich von Haushalt und Kindererziehung zu befreien – ohne die Grundstrukturen unseres sozialen Gefüges infrage zu stellen. Musikalisch basiert das Stück auf sich wiederholenden Rhythmen, die eine konstante Spannung aufbauen. Tiefe und hohe Melodielinien antworten sich im Kontrapunkt, melancholisch gefärbt. In Schleifen wiederholt und allmählich verstärkt, steigern sie sich, bis sie sich in Verzerrung auflösen – als Ausdruck der Erschöpfung und der unter der Oberfläche schwelenden Wut.

Las Patronas: Eine Gruppe mexikanischer Frauen, die zentralamerikanischen Migrantinnen helfen, welche auf Güterzügen in Richtung USA reisen – auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Diese Frauen bereiten täglich etwa 300 Mahlzeiten zu, die sie in Beuteln den vorbeifahrenden Migrantinnen zuwerfen. Trotz Schwierigkeiten wie Schikane und Bedrohungen durch Behörden und kriminelle Gruppen, setzen sie ihre mutige humanitäre Mission fort. Sie sind zu einem Symbol der Hoffnung und Solidarität für unzählige Migrant*innen aus Mittelamerika geworden.In diesem Stück lasse ich die Harfe beiseite und rezitiere ein Gedicht auf Spanisch – begleitet von einer Trommel und einem Shruti, einem indischen Akustikinstrument, das lange, vibrierende Drones erzeugt.

Tarana Burke: Sie rief den Hashtag #MeToo ins Leben, um Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, Unterstützung und Empowerment zu bieten. Die Bewegung erlangte 2017 weltweite Aufmerksamkeit, insbesondere als sie von weissen Gemeinschaften aufgegriffen wurde – zuerst im Zusammenhang mit dem Weinstein-Fall. Das Time Magazine ehrte sie als „Silence Breakers“ des Jahres 2017, und anerkannte damit, wie eng Geschlecht, Rasse, Herkunft und Sexualität in Fällen von Unterdrückung miteinander verflochten sind. Dieses Stück beleuchtet ihre Geschichte und lädt zur Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und systemischer Ungleichheit ein. Musikalisch enthält es ein Sample aus einer Rede von Tarana Burke, deren Worte zum Zusammenhalt aufrufen und daran erinnern, dass in der Einheit Stärke liegt. Die sich stetig ausdehnende musikalische Struktur ist eine Einladung zu kollektiver Aktion und gelebter Solidarität.

Maman du ciel: Eine Street-Art-Künstlerin, die sich gegen Inzest und innerfamiliäre Gewalt einsetzt. Maman du ciel ist eine Mutter, der das Sorgerecht entzogen wurde. Sie kämpft darum, ihre elterlichen Rechte zurückzuerlangen und ihre 7-jährige Tochter zu schützen, die beim Vater untergebracht wurde – obwohl gegen ihn eine laufende strafrechtliche Untersuchung wegen Inzests vorliegt. Um ihrer Tochter zu zeigen, dass sie für sie kämpft, platziert diese Mutter auf dem Schulweg Bilder von bunten Vögeln, die sie gemeinsam gezeichnet haben. Musikalisch basiert das Stück auf einer obsessiven Frage: „Why can’t you hear?“ Diese Phrase entfaltet sich in einer vokalen Polyphonie, in Schleifen, wie ein Schrei, der kein Echo findet. Die Harfe spielt eine Basslinie, unterlegt mit Polyrhythmik, und schafft ein Gefühl von Unruhe und Instabilität. Darüber schwebt eine vokale Improvisation, die die Form eines Wiegenlieds streift – fragil, schwankend –, als wolle sie dennoch schützen, trotz allem.

Zaïna: Dieses Stück ist meine allererste Komposition – ihre Aufnahme ins Album ist hochsymbolisch, denn sie verkörpert das Wesen der Unschuld. Jede Frau ist – bevor sie eine weibliche Identität übernimmt und in eine gesellschaftlich konstruierte Rolle tritt – zunächst ein Mensch. Diese Idee erinnert direkt an Simone de Beauvoirs berühmten Satz: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ – ein Hinweis darauf, wie stark das Weibliche in unserer Gesellschaft sozial konstruiert ist. Musikalisch entfaltet sich dieses Stück rein akustisch, ohne elektronische Mittel. Es entsteht buchstäblich aus der Stille heraus, baut sich allmählich um eine Improvisation auf und erreicht ihren Höhepunkt mit der auf der Harfe gespielten und gesungenen Melodie. Diese Entwicklung steht sinnbildlich für die Zerbrechlichkeit und zugleich die Kraft der Unschuld – und fängt ihre emotionale Tiefe und Vielschichtigkeit ein.

Fredi Hallauer

LEA GASSER 5TET

Album: „Circles“ (Neuklang)

Das Lea Gasser 5tet ist, wie der Name sagt, ein Quintett, und zwar ein Jazz-Quintett. Dazu gehören Lea Gasser (Akkordeon und Komposition), Samuel Urscheler (Altsaxophon, Sopransaxophon, Flöte), Mirko Maio (Piano, Fender Rhodes), Emilio Giovanoli (Kontrabass) und Romain Ballarini (Schlagzeug). Sibyl Hofstetter bereichert bei ein paar Stücken, das Quintett mit ihrer Stimme. Dies ist keine Akkordeon dominierte Musik, sondern ein Ensemblewerk, wo alle Musiker:innen ihren Platz bekommen. Geschrieben hat Lea Gasser die Musik in Island, dem Land von Feen und Trollen, Gletschern und Geisyren. Es sind eher filigrane Stücke, die manchmal etwas handfester werden und sich zum Kammerjazz zählen dürfen. Musik zum Zuhören und Geniessen, denn es ist wunderbar, was diese Musiker:innen hier spielen, und auch die Kompositionen sind sehr speziell.

Fredi Hallauer

LUUMU

Album: „S’Goldige Rad“

Luumu ist eine Formation um die Pianistin, Sängerin und Komponistin Adina Friis. Die Formation gibt es in immer wieder neuer Besetzung seit einigen Jahren, aber dies ist das erste Album in Mundart. Luumu spielte ursprünglich Jazz und jetzt ist es Kammerpop, Folk und noch einiges an Jazz. Die Musik ist genial, mit Streichern und Bläsern angereichert, aber auch sattem Bass und solidem Schlagzeug. Gerade dem Schlagzeug merkt man den Jazz immer wieder an und natürlich den Kompositionen. Gerade die Disharmonien in den Liedern, machen sie etwas sperriger. Die Texte erzählen Geschichten aus dem Leben, sind Poesie, trotzdem holpern sie in dieser Singform hier und dort. Diese Lieder schmeicheln sich bisher nicht in meine Ohren, obwohl die Musik es tut.

Fredi Hallauer

LIA SELLS FISH

Album: „The Heart Thea Heart The Heart“ (liasellsfish@gmail.com)

Lia Sells Fish sind die Sängerin, Texterin und Komponistin Christine Hasler, der Schlagzeuger Pascal Lüthi, der Keyboarder Ueli Kempter und der Gitarrist und Bassklarinettist Stefan Schischkanov. Sie machen Musik zwischen allen Stilen, oft wird das Alternativ genannt. Es gibt da Postrock, Indie, Jazz, TripHop und Pop, welche unter anderem einfliessen. Im Vordergrund ist immer die Stimme von Christine Hasler, einmal ruhiger und wärmer, dann wieder schriller und gehetzt. Sie singt von Liebe, Erschöpfung, Freiheit und Neuanfängen. Die Musiker erzeugen die passenden Klänge, jeder auf seine Art und das ergibt den Lia Sells Fish Klang. Dies ist eine kreative und erfrischende Band, welche immer noch für die meisten Menschen ein Genuss ist.

Fredi Hallauer

ALBIN BRUN QUARTETT

Album: „Pas De Quatre“ (www.albinbrun.ch)

Albin Brun und seine Musiker:innen sind wohl von den umtriebigen Menschen in der Musikszene. Darum wundert es einen nicht, wenn erst jetzt ihr erstes Album erscheint. Neben Albin Brun (Sopransax, Schwyzerörgeli) spielen Patricia Dräger (Akkordeon), Claudio Strebel (Kontrabass) und Markus Lauterburg (Schlagzeug, Perkussion) mit. Der Albumtitel heisst nicht etwa, dass sie nicht vier sind, sondern ist an den Tanz „Pas de Deux“ angelehnt, und weist darauf hin, dass fast kein Stück im 4/4 Takt ist. Dieses Quartett spielt Musik zwischen Jazz, imaginärer Volksmusik und Improvisation. Die meisten Stücke schrieb Albin Brun, je zwei Stücke stammen von Patricia Dräger und Claudio Strebel. Die Stücke wurden von den verschiedensten geographischen Gebieten beeinflusst, wie Bulgarien, Dingle in Irland, dem Elfenauquartier in Luzern, Island, den Karpaten und weiteren Gebieten der Schweiz. Manchmal sind es auch Hommagen an die Akkordeonistin, an sein Örgeli oder den ehemaligen Schweinestall, welcher nun als Probelokal dient. Diese 13 Stücke sind voller Überraschungen und genaues Hinhören macht sehr viel Spass und erweitert das musikalische Spektrum. Wenn jetzt alles etwas verrückt tönt, die Musik bleibt immer auf ihre Art bekömmlich.

Fredi Hallauer

CLAUDE DIALLO SITUATION & BRUNO SPOERRI

Album: „Hommage To Richard“ (Dot Time Records/Galileo Music)

Beginnen wir mit dem Albumtitel. Mit Richard ist Richard Irniger gemeint. Er ist Hausherr einer Villa mit Aussicht auf den Zürichsee und Veranstalter von über 1500 Konzerten aus dem Bereich, Klassik, Jazz und Weltmusik und ein Förderer der Musik. Claude Diallo der internationale Jazzpianist aus St. Gallen spielte dieses Konzert in der Villa, welches aufgenommen wurde. Am Bass stand Luques Curtis und am Schlagzeug sass James Williams. Zu diesem hervorragenden Trio kam Bruno Spoerri, der 88-jährige Jazzsaxophonist, mit seinen Saxophonen und elektronischen Instrumenten. Zusammen ergab das wunderschönen, melodiösen Jazz. Alle vier Musiker haben viel Platz für ihre Improvisationen, welche sehr wohltuend wirken. Das ist Jazz zum Zurücklehnen und Geniessen. Ein Album für die Jazzbestenlisten.

Fredi Hallauer